AltarDas Lamm im Strahlenglanz

Der gesamte Chorraum der kath. Kirche Günnigfelds restauriert und neu ausgestaltet
Von Vikar Wilhelm Kersting [† 1989]

Nach Fertigstellung der drei großen Chorfenster ist nunmehr auch der ganze Chorraum restauriert und neugestaltet. Erhabener Mittelpunkt ist der errichtete Altar. Vom Hl. Paulus ist uns der christliche Altar als „Trapeza Kyriu“ (1 Kor. 10, 21), d. h. als „Tisch des Herrn“ überliefert. Und die Apostelgeschichte berichtet uns (Apg. 2, 46) von dem „Brechen des Brotes in den Häusern“ der Christen und (Apg. 20, 7f) vom „Zusammenkommen am ersten Tage der Woche zum Brotbrechen“. Wir haben für die ersten christlichen Zeiten den Altar als einfachen Tisch zu verstehen. Im Verlauf der christlichen Kunstentwicklung hat es dann viele Abwandlungen gegeben, die oft nur schwer den „Tisch“ noch erkennen lassen. Entscheidend aber blieb unter der Bezeichnung „Mensa“ (= Tisch) die Altarplatte, die darum meist gleiche Formen beibehielt, wohingegen der Altarunterbau (Stipes) mannigfache Formen annahm. In kurzem Überblick ließen sich drei Hauptformen des Altars kennzeichnen. Demnach gibt es nach wie vor den Tischaltar, den Blockaltar und den Kastenaltar. In der Barockzeit zudem findet sich häufig der Sarkophagaltar.

Lamm im StrahlenglanzDer neue Altar der Günnigfelder Kirche ist bezüglich des Unterbaus ein Kastenaltar. Da aber die starke Altarmensa nach allen vier Seiten den Stipes überragt, und dadurch die rundum sehr kräftig ausgeführten Steinmetzarbeiten im Stipes dem Kasten eben der kastenartige Charakter fast genommen wird, kann der neue Altar eher als ein Tischaltar angesprochen werden, der wie eine breit und wuchtig aufgestellte Festtagstafel wirken mag. Unter Wegfall eines früher häufig üblichen Aufbaus (Retabel) entspricht er darum auch viel eindrucksvoller der Feier der hl. Eucharistie als Opfer und als Mahl. Hierbei soll aber erwähnt sein, daß die neuen Chorfenster, die ab Altarplatte gerechnet etwa eineinhalb Meter höher ansetzen, die Funktion eines Retabels übernommen zu haben scheinen. Sie wirken wie ein groß angelegtes dreiteiliges Altarbild, ohne jedoch die Eigenständigkeit des Altars zu beeinträchtigen. Altar und Chorfenster passen sich in geglückter Harmonie einander an und geben dem ganzen Raum eine Geschlossenheit in strenger Schlichtheit.

EngelDer Altar ist aus Naturstein und zwar aus Muschelkalkstein Blaubank gebaut. Die Mensa ist aus einem Stück gehauen, gleicherweise vorderer und hinterer Stipes und je das Seitenstück. Inmitten des Stipes vorn ist ein Lamm im Sonnenstrahlenkranz angebracht. Hinweis auf Christus als das Gotteslamm, das auf der heiligen Stätte des Altares dem Vatergott als Sühnopfer dargebracht wird. „Lamm Gottes, das du hinwegnimmst die Sünde der Welt.“ Seitwärts davon links wie rechts bilden sich durch tiefe Aussparungen auf glatter Fläche zwei Kreuzesformen. Dieses Motiv zieht sich entsprechend den vorhanden Flächen, rings um den Unterbau und nimmt – wie oben erwähnt – dem Stipes den strengen Kastencharakter. An den vier Ecken des Stipes erkennt der Betrachter geflügelte Wesen: Engel umgeben die dem Herrn geweihte Stätte!

AltarmensaAus der Altarmensamitte wächst als stilisierter Baum das Tabernakel (lat: Hülle, auch Zelt). In der Kirchweihmesse heißt es in der Lesung (Offb. 21): „Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen.“ Das Tabernakel als Wohnstatt des in der Eucharistie gegenwärtigen Herrn hat eine besonders wertvolle wie gleichfalls eine ihm eigene symbolhafte Ausgestaltung erhalten. Der Panzertresor (Grundform ist ein Trapez) ist rundum mit Bronzeplatten umkleidet. Die Frontseite führt die Grundform des stilisierten Baumes in halbplastischer bzw. reliefartiger Darstellung aus.

Die Stelle der Geheimen Offenbarung (22, 1f) diente dem Künstler als Vorlage und Anregung für seine Ausführung. „Und er (der Engel) zeigte mir einen Strom lebendigen Wassers, glänzend wie Kristall, der vom Throne Gottes und des Lammes hervorkam. In Mitte ihres Platzes und auf beiden Seiten des Stromes war das Gehölz des Lebens, zwölffach Früchte tragend, jeden Monat seine Frucht, und das Blattwerk des Gehölzes diente zur Gesundheit der Völker.“ Dem Beschauer zeigt sich: oben in der Mitte befindet sich aus Rubinen der Thron Gottes, dessen Erhabenheit durch sechs ihn umgebende Bernsteine betont wird. Von diesen ergießt sich nach unten hin sich ausbreitend der Strom lebendigen Wassers. Zum Zeichen dafür sind in die bronzenen Erhebungen Bergkristalle eingefügt. Das Gehölz des Lebens, beiderseits des „Stromes“, trägt für jeden Monat, da es Frucht trägt, einen runden Rosenquarz. Im Blattwerk des Gehölzes bzw. Baumes sind nach den Außenseiten hin je vier Avanturine (tiefgrüne viereckige Steine) erkennbar. So will das Tabernakel in seiner Ausführung aussagen: Hier ist die Früchte tragende und darbietende Stätte im Diesseits dieser Welt. Zur Gesundheit von Leib und Seele dient dem Gläubigen die Frucht vom Kreuzesstamm – dem Baum des Lebens im Neuen Bund! - : Leib und Blut des göttlichen Erlösers.

KreuzNunmehr muß in diesem angedeuteten Sinne das Kreuz genannt sein. In Bronze gegossen, die Gestalt des Erlösers in Reliefarbeit, in strenger Haltung, geraden Blickes, wie ein König erhaben („Es herrschet Gott vom Kreuz herab!“) in die Weite blickend, seine Arme aber in Liebe ausbreitend, um die ihm Dienenden an sich zu ziehen. Das Kreuz ist auf einer sich nach oben verjüngenden Steinstele aufgerichtet, die auf dem Suppedaneum hinter dem Altar im Abstand von gut eineinhalb Meter Aufstellung gefunden hat. Mit dem Querbalken ragt das Kreuz ins untere Feld des Chormittelfensters hinein und vermittelt die Verbindung zum Thema dieses Fensters: Christus, der Kommende, der spricht: „Siehe, ich mache alles neu.“ Vom Kreuz ging die Neuschöpfung aus. So reicht das Kreuz hier hinein in die Fensterfelder, die ja das Leben in der endzeitlichen Neuschöpfung darstellen. Das Kreuz auf der Steinsäule soll aber auch dem Betrachter sagen: Das Kreuz ist zwar Schlachtbank des Lammes Gottes, ist aber ob des Sieges, den Christus über die Sünde, den Tod und den Teufel errungen hat, das erhabene Zeichen des Sieges, ist also die Triumphsäule des Gotteskönigs Jesus Christus! Zur Bestärkung dieser Aussage haben beiderseits dieser Siegessäule je drei hohe bronzene Standleuchter ihren Platz. Auf der Altarmensa stehen neben dem Tabernakel je zwei niedrig gehaltene bronzene Leuchter mit breiter Schale.

Zu erwähnen bleibt: Der Altar ist gegenüber dem vorigen Standort dem Gemeindraum nähergerückt, wegen Raummangels leider nur um zweieinhalb Meter. Vor dem sog. Triumphbogen (bogenartige Wandung zu Beginn des Chorraumes) sind beiderseits kanzelartige Vorrichtungen, Ambonen genannt, vorgesetzt, die mit schmiedeeisernem Gitterwerk versehen sind (als Brüstung). Der gesamte Chorraum hat neue Plattierung und neue, gleichfalls mehr zum Gemeinderaum vorgezogene Stufenfolgen erhalten. Vorgerückt zur Gemeinde hin sind auch die „Chorschranken“ (vielerorts heute in neuen Kirchen in Schmiedewerk, hier jedoch in Muschelkalkstein ausgeführt), die der Volksmund bzw. ein nicht gerade uralter Brauch als „Kommunionbänke“ zu bezeichnen pflegt. Der bereitete, mit dem Linnentuch bekleidete Tisch ist und bleibt jedoch der Altar, wohingegen diese gen. Gebilde (hergeleitet von den Chorschranken früherer Zeiten) heute aus praktischen Gründen nur sich als - in der Wortverbindung eine zweifellos unschöne Benennung – sog. Kommunionbänke darbieten.

Der Altar bedarf noch der Konsekration seitens des Bischofs. Vor dem Tabernakel ist aber in der Mensa ein für den Vollzug des Hl. Opfers notwendiger kleiner konsekrierter Altar eingelassen, der gemeinhin als „Altarstein“ bezeichnet wird. Die vorhandene grabähnliche Vertiefung in der Mensaplatte dient bei der Altarweihe der Aufnahme von Reliquien der Heiligen Mansuetus und Simplicius, die bereits im alten Altar in ähnlicher Weise „beigesetzt“ waren.

Nicht zuletzt sei festgestellt, daß die Gedanken und Überlegungen, wie auch die Wünsche der Pfarrgeistlichen in einmütiger Zusammenarbeit mit dem ausführenden Künstler Josef Baron aus Hemmerde/ Westf. und mit dem Architekten Dipl.-Ing. Kösters aus Münster/ Westf. ein wohlgelungenes Werk zum Lobpreis Gottes und zur Freude der Günnigfelder Gemeinde haben erstehen lassen. Die Freude der Gemeindemitglieder aber sei dem Künstler der schönste Dank!

23/24.4.1960, Heimat-Nachrichten, Nummer 96